Improvisation am offenen Herzen

Ambrose Akinmusire schaut an die Decke. Er deutet in Richtung Technik und bittet, das Licht zu dimmen. Der 33-Jährige dürfte es gewohnt sein, im Bühnenlicht zu stehen. Doch der Scheinwerfer auf der Tübinger Sudhaus-Bühne schien ihm an diesem Abend zu hell zu sein. Für einen Teil des Konzerts am Samstag wäre sicher auch eine schummrige, intime Beleuchtung passend gewesen. Gleichzeitig strahlte die Musik des „Ambrose Akinmusire Quartett“ geradezu vor Dynamik und Kraft.

Das Quartett um den jungen Jazz-Trompeter aus New York lieferte mit seinem unverbrauchten Jazz frischen Wind und das mit breitem Spektrum – von der erfrischenden, sanften Brise bis zum stürmischen, befreienden Wind. Mit Sam Harris am Flügel, Kontrabassist Harish Raghavan und Schlagzeuger Rodney Green wandelte Akinmusire geschickt zwischen Improvisation und Komposition. So ist nicht nur sein 2011 erschienenes Album „When the heart emerges glisten“ preisgekrönt, sondern hat Akinmusire selbst als bester Trompeter bereits zahlreiche Auszeichnungen – unter anderem den „Downbeat critics poll“ 2015 – erhalten.

Akinmusire trat bereits vor acht Jahren mit Vijay Iyer auf und arbeitete zu der Zeit mit Esperanza Spalding zusammen. Schlagzeuger Green hat bereits mit Jazz-Größen wie Herbie Hancock, Joe Henderson, Christian McBride und Diana Krall zusammen gespielt.

Erstaunlich war auch das Zusammenspiel der vier Musiker, die auf Einladung von Jazz im Prinz Karl und Sudhaus in Tübingen vor etwa 120 Gästen spielten. Motive wanderten von einem Instrument zum anderen, gemeinsames Aufbrausen, um sich sanft wiegend wieder zu beruhigen, durchzuatmen. Eine Andeutung von einem der Musiker reichte aus, damit ein Stück wieder Fahrt aufnahm, um unter vollem Wind zu segeln. Ebenso waren da diese Schummerlicht-Momente: Akinmusire zog sich ins Halbdunkel zurück, um Piano, Bass und Schlagzeug die Bühne zu überlassen. Und setzte dann – vom hinteren Teil der Bühne aus – mit intimem, unverstärktem Spiel ein. Auch wenn es hörbar um den Gesamtklang der Band ging, erstaunte vor allem Akinmusire mit seinen Soli.

Sie waren im wahrsten Wortsinne des Herzstücke des Abends. Der beeindruckende Musiker kostete die Ausdrucksmöglichkeiten seines Instruments aus: Akinmusires Trompete schien in einer klaffenden Wunde zu stecken, als unmittelbarer Zeuge von Schmerz und Trost zugleich: mal mit bebender Stimme, klagend und flüstern, mal ein beißender Aufschrei. Es wirkte, als würde Akinmusire den Ton
seiner Trompete einsaugen, um ihn kurz darauf implodieren zu lassen – kontrolliert und impulsiv, eine Improvisation am offenen Herzen.


Erschienen am 14. März 2016 im Schwäbischen Tagblatt.

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