Das Leben ist kein liebes Spiel

Fußball, Kartoffelschalen, Schilddrüsenunterfunktion, ein Okapi-Poster, eine dreibeinige verdorbene Hündin – Funny van Dannen scheint aus allem ein Lied machen zu können. Und bisweilen auch eine kluge Botschaft.

Ein Liedermacher hat nicht viel Gepäck – außer seine Lieder. Und das kann man bei Funny van Dannen wörtlich nehmen: Mit einem abgewetzten kleinen Koffer kam er am Freitagabend auf die Bühne im Reutlinger franz.K. Er stellte ihn ab auf dem Tischchen, ließ das Kofferschloss aufschnappen und holte einen dicken Stapel Blätter hervor – das Repertoire des Abends. Die Gitarre stand bereit. Auch zwei Flaschen Wasser, ein Handtuch lagen auf dem Tisch. Und dann legte er los, in dieser ruhigen unnachahmlichen Art – verschmitzt, selbstironisch, zu einem Marathon, über zwei Stunden, über 40 Lieder.

Lied Nummer eins – warum Fußball so beliebt ist („latente Homosexualität“). Funny van Dannen wirkt frisch, das Publikum noch kühl. Funny van Dannen singt weiter. Von einem gefundenen Stein, der in die Vergangenheit sehen kann, von Bonobos und der Option, alle Probleme mit Streicheleinheiten und Geschlechtsverkehr aus der Welt zu schaffen. Lustig, wie Funny van Dannen sich das auf der Ebene von Alltag und Politik ausmalt. Doch dann kommt wieder so ein Funny-Satz, bei dem einem das Lachen im Hals stecken bleibt: „Wir sollten versuchen, Menschen zu werden, denn Tiere sind wir ja schon.“ Oder beim Stein, der zurückschaut und sieht, dass der Hund von Jörg in einem früheren Leben der Kitzler von Leni Riefenstahl war: „Dem Kosmos ist Moral total egal.“

Sein aktuelles Album „Geile Welt“ erschien vergangenen Oktober. Es ist das erste Album, bei dem er sich andere Musiker als Band dazu geholt hat. Es sei die Platte, „die er schon immer machen wollte“, am Ende sei er so glücklich und zufrieden wie noch nie nach einer Plattenproduktion gewesen. Seit vier Monaten nun tourt van Dannen damit in Deutschland. Die Konzerte in Leipzig, Hamburg, Köln und Berlin waren ausverkauft. In Reutlingen zumindest volles Haus. Von der jüngsten Platte spielte er nur einige wenige Lieder, ansonsten quer Beet.

Lied Nummer 17 – was man mit Kugelschreibern alles anstellen kann. Vereinzelt glitzern Schweißtropfen auf der Stirn von Funny van Dannen. Das Publikum wird auch langsam warm. Der 57-Jährige singt mit der Fantasie eines Kindes über Dinge. Über Kartoffelschalen und Plastikbälle, über Fische und blondbärtige Delfine. Funny van Dannen könnte vermutlich genauso gut ein Schmalzbrot besingen und ganz nebenbei eine tiefe, sehr kluge Bemerkung einbauen in all die anrührende Alltagspoesie.

Schon bei den ersten Tönen von „Ich habe einen Arbeitsplatz vernichtet“ und „Nana Mouskouri“ beginnt das Publikum zu jubeln. Textsicher sind viele Konzertbesucher bei „Ein Eimer weiße Farbe“, „Po-Sex & Poesie“ und „Herzscheiße“. In München am Abend zuvor hätten sie gleich gebrüllt bei einem bestimmten Lied, deshalb kündigte er diesmal lieber vorher an: „Die ersten zwei Zeilen sind Ironie“, und legte los: „Irgendwann werde ich Bayern München-Fan, irgendwann mag ich Grönemeyer“ und zählt all’ die Dinge auf, die hoffentlich nie passieren werden („Integrieren“).

Lied Nummer 27 – über Mutti und Vaterland. Funny van Dannens Haare an den Schläfen glänzen vom Schweiß. „Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn mit einer Hand“, singt er kurz darauf schon im nächsten Lied, das politische, kritische „Saharasand“. Am Ende kehrt er zwei Mal auf die Bühne zurück, sechs Zugaben, doch selbst beim letzten Lied, Nummer 42, bleibt das Handtuch unbenutzt.


Erschienen am 15. März 2015 im Schwäbischen Tagblatt.

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