Die gleiche Sprache

Er hat jahrelang an der Seite von Chet Baker gespielt. Am 11. Oktober wird der Kontrabassist Riccardo del Fra zusammen mit vier jungen französischen und deutschen Musikern imTübinger Sudhaus ein Pre-Opening-Konzert zu den Jazz- und Klassiktagen geben. Kurz bevor er zu seiner Europa-Tour aufgebrochen ist, haben wir mit ihm gesprochen.

Neun Jahre lang haben Sie in Chet Bakers Band gespielt. Nach seinem Tod haben Sie ihm 1989 das Album „A Sip of your Touch” gewidmet. Und seit dem 6. Oktober sind sie nun mit Ihrem Programm „My Chet, My Song“ auf Tour. Herr del Fra, was ist für Sie persönlich das Besondere an Chet Bakers Musik?

Riccardo del Fra: Chet war ein wunderbarer und poetischer Interpret – sowohl beim Trompetespielen als auch beim Singen. Er war kein Komponist, aber wenn er ein paar Stücke spielte – wie „My Funny Valentine“ oder „But Not For Me“ oder auch „My Ideal“ und so weiter – dann klang das so, als hätte er diese Stücke selbst geschrieben. Es klang, als gehörten diese Stücke zu ihm. Wenn er sang, dann wählte er die Lieder hinsichtlich der Texte immer mit großer Sorgfalt aus. Die Worte und die darin enthaltene Poesie waren ihm sehr wichtig.

Inwieweit hat er Ihr Spiel beeinflusst? Haben Sie Ihn bewundert?

Natürlich habe ich ihn bewundert. Als ich ihn zum ersten Mal traf, war ich erst 23 Jahre alt. Es war die Erfüllung eines Traumes, dass ich mit so einem großartigen und einzigartigen Künstler zusammen spielen, aufnehmen und auf Tour gehen konnte. Ich glaube, dass sein Einfluss auf mich und auf meine Musik sehr groß ist, obwohl ich heute nicht mehr dieselbe Musik spiele. Sein Gespür für Zeit, für das Tempo war unfehlbar. Wie er Stille und Raum in seiner Phrasierung nutzte, das ist nach wie vor inspirierend für mich. Der Tiefsinn seines melodischen Ansatzes ist immer noch eine Herausforderung und es nährt nach wie vor meine eigenen Konzepte und Ideen. Außerdem muss ich sagen: Ich bewundere, wie er sich von modischen Launen frei gemacht hat: Er scherte sich nicht darum, in Mode zu sein. Er war ein authentischer und ehrlicher Künstler. Seine Musik und seine Art zu spielen sind zeitlos.

Wie haben Sie Chet Baker persönlich erlebt? Erinnern Sie sich an ein typisches Erlebnis mit ihm?

Mit ihm unterwegs auf Tour zu sein war eine unglaubliche Erfahrung fürs Leben: herausfordernd, inspirierend, sicherlich ein Lernprozess für mich – als Musiker und als Mensch. Und sicher nicht immer einfach. Anfang der 80er Jahre sind Sie nach Paris gegangen, Sie leben dort mittlerweile seit rund 30 Jahren. Und Sie touren mit vier Musikern – zwei von ihnen sind aus Frankreich, zwei aus Deutschland.

Haben Sie den Eindruck, dass es einen grundlegenden Unterschied zwischen französischen und deutschen Musikern gibt, was das Verständnis und die Interpretation von Jazz angeht?

Auch wenn wir alle einen unterschiedlichen Hintergrund haben – und in dieser Band treffen ja auch unterschiedliche Generationen aufeinander – so habe ich doch das Gefühl, dass wir alle die gleiche Sprache sprechen. Wahrscheinlich mit verschiedenen Akzenten. Aber ich glaube, dass wir zusammen etwas ganz Besonderes und Tiefgründiges aufbauen können.

Seit 1998 unterrichten Sie am Conservatoire de Paris. Zusammen mit jungen Musikern haben Sie 2005 ein Album herausgebracht. Und ihr derzeitiges Quintett umfasst verschiedene Altersgruppen. Was ist für Sie reizvoll daran, mit jungen Musikern zu spielen?

Ich habe diese Erfahrungen selbst sehr oft gemacht als ich jung war, weil ich in so vielen Bands mit älteren Musikern gespielt habe. Ich habe viel von ihnen gelernt und erfahren. Ich glaube, sie haben meine Energie, meinen Einsatz und den frischen Wind geschätzt. Und jetzt bin ich dran!

Sind alle Mitglieder Ihrer Band gleichwertig? Verlassen Sie Ihre Lehrer-Rolle, wenn Sie in dem Quintett spielen?

Eine Band braucht eine Leitung. Nicht im Sinne einer Autorität, aber sie muss die künstlerische und ästhetische Richtung vorgeben. Davon abgesehen, möchte ich meinen Partnern vertrauen und ihnen Raum und Verwantwortung geben. Ich tue das genauso, wenn ich unterrichte. Aber ich denke nicht ans Unterrichten, wenn ich spiele. Ich spiele einfach.

Sie sagten einmal, sie wollen Türen öffnen für andere Musikrichtungen und Sie mögen die Verbindung mit anderen Disziplinen wie zum Beispiel Tanz. Was möchten Sie mit dieser Art von Austausch erreichen? Ist der Jazz unzureichend geworden, hat er etwas von seinem Zauber verloren?

Jazz oder andere Musikrichtungen können ihren Zauber nicht verlieren. Es ist an den Musikern, danach zu suchen und ihn möglicherweise zu finden. Ich glaube, dass Zauber in der Wahrheit und der Aufrichtigkeit liegt. Die Wurzeln des Jazz liegen im Synkretismus. Ich glaube, dass wir das alle im Kopf behalten sollten. Ich glaube, dass Synkretismus immer noch passiert, besonders dann, wenn wir uns von anderen Musik-Welten inspirieren lassen. Jazz-Musiker können viel lernen von zeitgenössischer klassischer Musik und vice versa.

Sie haben Filmmusik für Fellini und Ennio Morricone eingespielt. Selbst komponieren Sie Soundtracks zum Beispiel für den Regisseur Lucas Belvaux. Hat Musik im Allgemeinen und Jazz im Besonderen eine eigene Bildhaftigkeit?

Ich habe phantastische Erfahrungen mit der Film-Welt gemacht. Ich könnte ein ganzes Buch darüber schreiben. Aber wenn ich Musik für Filme schreibe, denke ich nicht an einen Stil oder ein Genre. Es ist dann nicht Jazz oder Klassik, sondern Filmmusik.

Gibt es ein Stück, zu dem Sie eine besondere Beziehung haben, wie es etwa Chet Baker zu „My Funny Valentine“ hatte?

Ich würde sagen, neben „My Funny Valentine“ ist es „I’m A Fool To Want You“, ein Stück, das ich sehr schätze und das mit Chet verbunden ist.

Werden Sie es bei Ihrem Konzert in Tübingen spielen?

Ich werde es spielen. Bei jedem Konzert auf dieser Tour!


Erschienen am 7. Oktober 2013 im Schwäbischen Tagblatt.

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