Düsteres Mäandern

Die Bühne liegt im Halbdunkel. Dunst mäandert durch violettes und hellgrünes Licht. Als Nils Petter Molvær am Donnerstagabend vors Sudhaus-Publikum tritt, die Trompete unterm Arm, steuert er auf seinen Laptop zu. Bezeichnend. Steht der Name Molvær doch besonders für die Verbindung von Jazz und elektronischen Sounds. Umso erstaunlicher, wie wenig junge Zuhörer unter den knapp 300 Besuchern an diesem Abend sind.

Erstmals nach 16 Jahren ist Molvær wieder in Tübingen zu Gast – auf Einladung von Jazz im Prinz Karl und Sudhaus. Mit dabei hat er dieses Mal seine norwegischen Musikerkollegen Jo Berger Myhre (E-Bass) und Schlagwerker Erland Dahlen. Außerdem Geir Sundstol an der Pedal-Steel-Gitarre, mit dem Molvær auch sein jüngstes Album „Switch“ eingespielt hat. Im Jahr zuvor hatte Molvær noch mit dem Techno-Produzenten Moritz von Oswald zusammengearbeitet („1/1“). So vielfältig Molværs Projekte sind, so unverwechselbar ist sein Spiel – auch live. Er ringt dem Instrument die Töne ab. Halb Klang, halb Atem. Raue Melodiefetzen. Reduzierte Tonfolgen. Gebettet in komplexe Klangstrukturen.

Struktur liefert auch der großartige Erland Dahlen am Drumset. Mit Besen, Schlegel, Rassel und Zimbel-Klängen – an Einfühlungsvermögen und Einfallsreichtum nur schwer zu überbieten. Mit wuchtiger Bassdrum verankert er das schwebende Geschehen. Rüttelt nach dunkel-traumhaften Passagen gewaltsam wach, läutet mit geradlinigen Rhythmen einen neuen Teil ein und legt schlagkräftig Feuer unter dem brodelnden Braukessel auf der Sudhaus-Bühne.

Jo Berger Myhre ist zurückhaltend. Fügt sich ein. Übernimmt verlässlich die tragende Rolle, wenn es drauf ankommt. Im Solo hingegen zeigt er sich experimentell, entlockt seinem Sechs-Saiter mehr Geräusche als Melodien, begleitet vom Klacken der Effektpedale. Geir Sundstol fügt dem typischen Molvær-Sound neue Farbtupfen hinzu. Doch auch die der Countrymusik entliehene Pedal-Steel bekommt im Molvær-Kontext eine völlig neue Färbung, klingt kaum noch ländlich, mehr elektronisch. Ähnliches geschieht, wenn Sundstol zum Banjo greift. Oder zur Mundharmonika, die dann an Maultrommel und Didgeridoo erinnert.

Im Zusammenspiel wirken die vier Musiker wie in einer konzentrierten Dauer-Improvisation. Die Stücke gehen ineinander über. Im düsteren Mäandern brauen sich Eruptionen zusammen, ein Wechselbad aus Wucht und Zerbrechlichkeit.

Erst nach gut einer halben Stunde setzten die Musiker das erste Mal ab. Nils Petter Molvær wischt sich den Schweiß von der Stirn, stellt seine Band vor, ehe sie mit „Quiet Corners“ aus „Switch“ zum nächsten Set ansetzt. Und das mündet schließlich in „On Stream“ vom legendären Molvær-Album „Khmer“.


Erschienen am 5. April 2014 im Schwäbischen Tagblatt.

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