Abtauchen, dann abbiegen

Wie es sich wohl anfühlt, eine Insel zu sein – umspült vom Meer, jede Woge nah am Ufer spüren? Und wie klingt wohl eine unbekannte Stadt, mit all ihren verborgenen Gassen und vor allem einem verlockenden Namen: „Mértola“? Der in Berlin lebende Pianist und Trompeter Sebastian Studnitzky lud mit seinem Trio am Montagabend in der Tübinger Liquid Bar zu solch einem magischen Klangbad ein.

Wenn die portugiesische Stadt Mértola Studnitzkys Komposition ähnelt, dann ist sie in warmes Abendlicht getaucht, von Zwielicht umspielt, sehnsüchtig, ungewiss, verzückt, verheißungsvoll. Eine Stadt, die viele Geschichten zu erzählen hat. Das Trio erzählt sie mit präzisem, feingliedrigem Schlagzeug (Tim Sarhan), einem vor Ideen sprühenden, tragenden Bass (Paul Kleber) und Studnitzky, der zwischen lyrisch-groovendem Flügel und sanfter, ungewöhnlicher Trompete wechselte.

„Organic“ heißt ein Stück, das Studnitzky ursprünglich für Kirchenorgel und Trompete komponiert hat. „Da ist jetzt etwas ganz anderes draus geworden“, sagt er. Doch „organisch“ bleibt eine passende Bezeichnung für die Art, wie Studnitzky mit seinem Trio Musik macht. Die Instrumente verschmelzen zu einem organischen, oft lyrischen Ganzen, ohne in Kitsch abzugleiten. Die Stücke entwickeln eine eigene Dynamik und halten Überraschungen bereit, die aus freiem Spiel wachsen.

Nie fertig und doch perfekt, möchte man in so manchem Moment denken. In den besten Augenblicken – und davon gab es einige an diesem Abend – erklingt kein Ton zu viel. Vor allem dies, aber auch die Offenheit für andere Genres wie elektronische und klassische Musik erinnern an modernen Jazz aus Skandinavien. Tatsächlich war Studnitzky viel in Norwegen auf Tour und hat unter anderem mit Nils Landgren zusammengearbeitet.

Einige Stücke hatte Studnitzky an diesem Abend im Programm, die er sonst zusammen mit Orchestern spielt. „Das Coole am Trio: Da ist vieles offen“, sagt der Musiker und Komponist. „Wenn Paul am Bass eine andere Abbiegung nimmt, kann ich folgen und andersrum funktioniert es genauso.“ Vorab Absprachen treffen – und sie bei guter Gelegenheit doch über den Haufen werfen also. Ob die „Katzenfuge“ von Scarlatti oder ein akustisches, pulsierendes Stück, das gut und gerne in einem Elektro-Club laufen könnte: Langweilig wird es mit dem Studnitzky-Trio ohnehin nicht.

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Erschienen am 9. März 2016 im Schwäbischen Tagblatt.

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