Ausgefuchster Meister der Manipulation

Bitterböse, brutal, witzig und schlau: Fabelhafte Inszenierung von Goethes „Reineke Fuchs“ am Tübinger Landestheater

Sind wir nicht alle ein bisschen Fuchs? Der Rotpelz nutzt die Regeln des Spiels zu seinen Gunsten, verdreht sie, und geht auch das nicht mehr, erfindet er neue. Er ist Raubtier, listiger Schelm und Überzeugungstäter. Johann Wolfgang Goethe benutzte die alte Figur des schlauen und hinterlistigen „Reineke Fuchs“, um hinter die Kulissen blicken zu lassen, die Kulissen eines oft unmoralischen Spiels aus Ordnung, Unterwerfung, Abhängigkeiten und Intrigen. Das galt zu Zeiten der Französischen Revolution, und das gilt heute.

Alle sind sie versammelt am Hofe des Löwen – Pardon! – der Löwin, der Königin Nobel nämlich. Doch da fehlt wieder einer in der großen Versammlung der Tiere. Und wie es so ist: Über Abwesende lässt es sich am schönsten lästern. Vor allem die Starken und Mächtigen lassen sich diese Gelegenheit nicht entgehen. Schon erhebt der Wolf Anklage und beschuldigt Reineke Fuchs wegen Vergewaltigung, die anderen Tiere stimmen mit ein ins Klagelied von Raub und Mord.

Ein bunter, prachtvoller, animalischer Haufen, der sich da am Donnerstagabend auf der Werkstattbühne des LTT tummelte – scheinbar wie zwischen den Buchseiten von Goethes Versepos: Als Kulissen waren auf hohen Stellwänden Stiche Wilhelm von Kaulbachs abgebildet. Die frühen Schwarz-Weiß-Illustrationen zum Werk vergrößerten die Schar der Tiere und lieferten gleichzeitig einen starren und scheinbar angestaubten Kontrast zu dem, was sich auf der Bühne abspielte. Die Inszenierung von Kerstin Grübmeyer (Regie: Florian Hertweck) liest jedoch auch zwischen den Zeilen, übersetzt sie ins Heute.

Seit jeher dienten Fabeln dazu, Kritik an der herrschenden Ordnung, an den Machthabern zu üben – eine Kritik, die ungestraft nur unter der Maskerade der Tierwelt möglich war. In der LTT-Inszenierung trugen die Tiere mit ihren Kostümen sowohl menschliche als auch animalische Züge: Der Dachs eine Gummi-Schnauze über der Nase, seine Ohren hingegen am Hut, die Katze eine Maske wie Batman, beim Bär sorgten fellbesetzte Handschuhe mit langen Krallen für kräftige Tatzen (Bühne und Kostüme: Dirk Thiele).

Aus der Not machten sie eine Tugend. Dank der fabelhaften Leistungen von Heiner Kock, Ralf Kindermann und Michael Ruchter reichten drei Schauspieler, um fast ein Dutzend Tiere auf die Bühne zu bringen. Der König wird mit Sabine Weithöner zur Königin, sie verkörpert eine Kopplung aus Geliebter, Herrscherin, Mutter. Besonders eindrücklich, wenn sie ihre Trieb gesteuerte Tier-Schar in einer Art Loveparade zu Rave und Techno-Gewummer aus ihren Zitzen bespritzt. Wie die Königin des Pop lässt sie sich auf Händen tragen. Immer behält sie das Zepter in der Hand – und schickt ein Tier nach dem anderen, um Reineke Fuchs in die Höhle der Löwin zu holen.

Doch Reineke (Thomas Zerck) weiß, wie er den ungebetenen Besuch austricksen kann – zu gut kennt er die Schwächen der anderen Tiere. Der Bär steckt seine Schnauze tief hinein in das Honigglas, das auf der LTT-Bühne zur Droge wird: Am Bühnenrand schnappt sich die Königin als Mikro ihr Zepter und schnurrt Lou Reeds „What a perfect day“, während sich der Bär im Rausch wiegt.

Die Katze ist die nächste, die ihr Glück versuchen soll. Das Mauseloch in der Wand wird bei dem modernen Reineke zum „Glory Hole“, an dem sich der Kater zu befriedigen versucht. Erst der Dachs schafft es, Reineke an den Hof zurückzubringen: Western-reif reiten sie gemeinsam durch den Bühnennebel: großes Kino!

Das wird noch getoppt durch Tanzeinlagen wie Federvieh-Ballett und Streetdance – Respekt vor den akrobatischen Leistungen. Der größte Witz liegt oft im Detail: Wenn die Ohren von Lampe, dem Hasen auf dem Kopf tatsächlich an einem Lampenschirm sitzen. Oder Reineke es sich zu Hause gemütlich macht, den Anzug gegen einen Trainingsanzug tauscht, den ein Mannschafts-Emblem der „Füchse“ schmückt. Oder auch, wenn der gehörnte Bellyn kurz vor seiner Hinrichtung resigniert fragt: „Widderstand zwecklos?“

Als großer Verbrecher wird Reineke stigmatisiert. Zu Recht, hat er doch viel Unrecht und fast jedem Tier ein Leid angetan. Doch er hält ihnen zugleich den Spiegel vor: Sie alle sind genauso auf ihren Vorteil bedacht. Nur: Reineke beherrscht dieses Spiel noch besser als alle anderen. „Fuchs du hast die Gans gestohlen“ singen sie vierstimmig und kündigen damit die Jäger mit ihren Maschinengewehren an. Ausgerechnet die Hasen rüsten sich zum großen Rachezug und stürmen mit Stroboskop-Geknatter in den Bau. Doch wie es sich für einen Fuchs gehört – aus seinem labyrinthartigen Bau taucht er unerwartet woanders wieder auf: im voll besetzten Zuschauerraum. Und sein Monolog über Freiheit, Unterwerfung und Macht des Menschen wirft wieder die Frage auf: Sind wir nicht alle ein bisschen Fuchs?


Erschienen am 4. April 2015 im Schwäbischen Tagblatt

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