Angenehm: Amouröse Alliteration

Es war ein inspirierender Samstagmittag. Vorm Fenster zeigte sich der Tag trübe, doch drinnen in der Stadtbibliothek war es gemütlich. Zur Zerstreuung blätterte ich in einer Frauenzeitschrift. Nicht, dass ich das für gewöhnlich tun würde. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, wie es dazu kommen konnte.

Auch wenn es sich um kein hochkarätiges Fachmagazin handelte, so sollte meine Lektüre nicht folgenlos bleiben. Im Gegenteil, sie trieb mich zu beinahe wissenschaftlichem Eifer an. Dabei ging es noch nicht einmal um ein fettarmes Krustenbraten-Rezept, die perfekte Lavendel-Crème-Brulée oder in letzter Minute selbst gebastelte Weihnachtsgeschenke. Nein, es ging um etwas viel Folgenschwereres: um die Vorhersehbarkeit des Liebesglücks. Denn in dem auf weibliche Leserschaft fokussierten Beitrag hieß es, dass – rein statistisch und wissenschaftlich belegt – Beziehungen länger halten, wenn die Namen der beiden Partner mit dem gleichen Buchstaben beginnen. Aus einer Mischung berufsbedingter sowie rein menschlicher Neugier ging ich der Sache nach.

Die Erklärung von Psychologen für das amouröse Namens- und Buchstabenphänomen lautet: Unbewusste Ichbezogenheit. Sie stecke als Antriebskraft dahinter, weil der eigene Name angenehme Gefühle auslöse. Um keiner lebenden und gar lokalen Persönlichkeit zu nahe zu treten, seien stichprobenhaft zeitlose Paare genannt: Leonce und Lena fanden und banden sich auf der Flucht. Auch Bernhard und Bianca verbrachten nach atemberaubenden Abenteuern ihr Leben gemeinsam. Hingegen: Kermit und Miss Piggy erlebten nur wenige gemeinsame glückliche Momente. Und wie es dem ersten Liebespaar schlechthin erging, Adam und Eva (die auch in ihrer hebräischen Form nicht gleich anlauten), wissen wir (Stichworte: Schweiß und Schmerzen).

Was also tun, wenn sich heutzutage Antonie in Xaver statt in einen Anton verliebt? Wenn Petra und Michael ihr Leben miteinander verbringen möchten? Wenn sich Hannes so gar nicht mit Hannelore, dafür aber mit Julia ganz prächtig versteht? Dann muss wohl ein bisschen getrickst und geschummelt werden: Ein Kosename muss her! Auch wenn aktuelle Umfragen etwas unterschiedliche Ergebnisse liefern, eines ist klar: Schatz ist der Deutschen Liebling unter den Kosenamen. Das kann kein Zufall sein. Denn kein anderer weibliche Vorname war in den 1970er- und 80er-Jahren so beliebt wie der gleich anlautende Name Stefanie. Die heute erwachsenen Stefanies haben es also vergleichsweise leicht, sollte ihr Traumpartner nicht Stefan heißen. Anregung für alle anderen: Amazönchen, Bärenherz, Cinderella, Darling, Energiesternchen, Flauschibärchi, Glitzerblume, Herzgoldkirsche, Igelchen, Juwel, Knutschipuh, Liebhabhase, Märchenbärli, Nussikussi, Oberschatz, Puffelchen, Quarktörtchen, Raubtierle, Sonnenstern, Tausendschön, Utzibutzi, Venus, Wuschelchen, Yogilein, Zuckerwattebällchen. Vielleicht geht man das Risiko aber auch einfach ein und kompensiert das Buchstaben-Manko von A wie Amüsement bis Z wie Zuwendung.

 


Erschienen am 9. Dezember 2014 im Schwäbischen Tagblatt

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