Am Anfang: Stimme

Wie durch ein Mikroskop betrachtet wimmeln winzige Lebewesen auf der Leinwand. Auf der Bühne winden sich wie Würmer Finger suchend aus dem Dunkel. Fünf Frauen bieten dazu ein Stimmenflimmern und -gewirr: eine akustische Ursuppe. Das ist der Anfang. So fing alles an, das Leben auf der Erde vielleicht, vor allem aber Georges Aperghis „Sextuor: l’origine des espèces“, dem Charles Darwins Evolutionswerk „Über die Entstehung der Arten“ zugrunde liegt.

Der griechische Komponist Aperghis veröffentlichte sein Werk 1992, ein Jahr später wurde es uraufgeführt, am Freitag hatte das moderne Musiktheaterstück seine beeindruckende deutsche Erstaufführung im Reutlinger Spitalhofsaal. Frank Wörner hat das Werk inszeniert. Mit Absolventen der Stuttgarter Musikhochschule – dem „vil-Ensemble“ (Stuttgarter Vokal- und Instrumentallabor) – erarbeitet er neueste Musik, meist mit (Live-)Video oder Elektronik. Auch Aperghis Sextett hat er multimedial und facettenreich in Szene gesetzt; in manchen Passagen gar überbordend, wenn auf die knapp 50 Besucher eine Flut von Bildern, Tönen und Texten hereinbrach.

Die fünf Sängerinnen Alessia Park, Christie Finn (sie wirkte bereits 2011 in New York bei einer Sextuor-Aufführung mit), Natasha López, Gabriela Lesch und Hanna Roos präsentierten Aperghis Wort- und Stimmakrobatik in französischer und erfundener Sprache agil und ausdrucksstark, sowie technisch tadellos. Cellistin Esther Saladin begleitete die Sängerinnen nicht nur, sondern nahm parallel zu ihrem vielseitigen Spiel zeitweise auch die Rolle einer Erzählerin ein.

Das Libretto von Francois Regnault verfolgt die Evolutionsgeschichte, eben Entwicklung, Entstehen und Verschwinden von Arten. Der Weg vom Meer an Land und in die Luft, von der kambrischen Explosion, vom Dinosaurier bis hin zum Menschen, der sich die Tiere zunutze macht: Küken auf dem Fließband, zappelnde Fische im Fangnetz, eine Weidelandschaft en miniature mit Tieren als Plastikspielfiguren – (Live-)Videos der Esslinger Bühnenbildnerin Annette Wolf.

Fünf Zwischenspiele widmeten sich „menschlich kulturellen Prinzipien in der Schöpfung“: Tod, Geburt, das Märchen Aschenputtel, Entbindung, Liebeserfahrung. Die Sängerinnen putzten eine Braut heraus, sie topften Pflanzen ein, entzündeten Grablichter, eine der jungen Frauen schälte sich aus einem Kokon, eine andere nahm die weibliche Launenhaftigkeit als sportliche Herausforderung. Die Art Mensch boxt sich durch und so taten es auch die Sängerinnen auf der stufenartigen, dunklen Podest-Bühne: rhythmisch im Takt eines Silben-Staccatos. Und eine Feststellung: „La vie est belle“, das Leben ist schön.

[…]


Erschienen am 23. März 2015 im Schwäbischen Tagblatt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.